Paul Klee Engel



mehr Vogel

Seit ich durch Balz Raz erfahren hatte, dass in Riehen die späten Werke von Paul Klee ausgestellt werden, wusste ich: ich will die Engel sehen!
Und Traudi wollte ich natürlich besuchen, bei Yves mich für die schönen Geburtstagsblumen bedanken, ein Gespräch mit der vielleicht künftigen Lehrerin für Sprachgestaltung haben, endlich ein paar Bücher an die Goetheanums-Bibliothek zurückgeben, bei Ruedi Manuskripte abholen, und..naja...Dornach eben...
Die Hoffnung, dort etwas Zukünftiges kräftig walten zu fühlen, gibt man ja nicht so einfach auf.
Schon Tage vorher allerdings sprachen Kranksein und seelisches Tief, am Rande sozialorganisatorische Wirrnisse eigentlich deutlich gegen diese Unternehmung; das Datum des Ausstellungsende aber war schon in Sicht, der Termin zur Sprachgestaltung fest, nur ich hin- und hergerissen. Zum Glück gab es Freunde, die meine Einwände alle nicht so wichtig nahmen, und mir damit zu einer gesunden Distanz zu mir selber verhalfen.

So stehe ich dann plötzlich doch in der Fondation Beyeler und darf eine der für mich berührendsten Engel-Zeichnungen von Paul Klee anschauen: "mehr vogel".
Paul Klee hat diesen Engel 1939 gezeichnet, vier Jahre nach dem Ausbruch seiner Krankheit, ein Jahr vor seinem Tod. Zu einer Zeit da die Welt im Krieg lag. "Tragisch", so wird diese Zeichnung an verschiedenen Stellen empfunden und beschrieben. Ich kann diese Tragik nicht nachempfinden, will das wohl an diesem Tag auch gar nicht. Meine Gedanken über den Vogel und sein Zustandekommen lassen vielmehr eine stille Heiterkeit in mir aufkommen.
Dass Klee mit einem derart geknickten Engel in schönster Weise über sich selber gelächelt hat, darüber, wie urkomisch es sein kann wenn man sich einmal zuschaut beim Hinfallen und wieder Aufstehen, beim Scheitern und immer wieder erneut Versuchen, das kann man doch sehen!
Ein Engel? Nein. Mehr Vogel.
Eben wie dieser schwere, kläglich zu Boden niedergedrückte Vogel, der mit völlig unzulänglichen Mitteln versucht, Engel zu werden, zu fliegen, und dabei gar nicht merkt, dass er sich auch mal leicht nehmen muss, wenn er hoch hinaus will. Aber manchmal merkt man das eben doch. Dann kommt man sogar dazu, plötzlich in der Fondation Beyeler zu stehen, und zu lächeln. Über sich selber und die anderen Menschen.
Ich glaube, Klee hatte überhaupt einen ganz wunderbaren Engelhumor.