| Ulla Hahn - "Das verborgene Wort" Neulich wurde ich gefragt ob "Das verborgene Wort" denn nun ein schönes Buch sei. Schön? Es ist ein Buch, das mich mitgenommen hat während des Lesens. 592 Seiten lang Wechselbäder zwischen Mitleid und Mitfreude, zwischen graukaltem Alltag und traumvoller Welt des Verborgenen; ob das nun schön ist? Der Alltag - das sind die engen Verhältnisse der Arbeiterfamilie, in der die kleine Hildegard Palm aufwächst. Das ist vor allem die verständnislose, grausame Erziehung durch die Eltern, denen nur die Welt des Äusseren, Gewohnten etwas gilt, und das ist der frömmelnde Schein eines katholischen Dorfes im Rheinland Mitte der 5oer Jahre. Dort spricht man Kölsch, Hochdeutsch ist verpönt. In der Welt des Verborgenen ist die Weite der Phantasie, das Vertrauen auf das Wesenhafte der Sprache und der Wortbedeutungen. Da lebt auch Frau Peps, die alte Handtasche - Hildegards Vertraute, der sie alles erzählen kann und die sie tröstet. Dort ist der Zettel, den Hildegard in ihren Schuh legt, um sich über den Tag zu retten: "Ich bin meine Freiheit". Und da ist der warmherzige Grossvater, der auf den gemeinsamen Spaziergängen am Rhein die "Buchsteine" für Hildegard findet. Steine, die der Schutzengel für sie beschrieben hat, und von denen er wunderbare Geschichten ablesen kann. Lange ausruhen kann man nicht in dieser verborgenen Welt. Ob der Vater Frau Peps verbrennt, Hildegards stolz demonstriertes essen mit Messer und Gabel auf demütigende Weise unterbindet - er benutzt ja schliesslich auch nur einen Löffel - , oder die kostbare, lang ersehnte Zahnspange zertrümmert - man fürchtet immer schon die nächste Gemeinheit. Ich verkrampfe mich bereits, wenn ich lese, wie Hildegard sich über die Buchstabennudeln in der Suppe freut, aus denen sie ein "Engelshaar" zu formen versucht. Das kann nicht gut gehen, ahne ich. So ist es auch: die harmlose Freude endet damit, dass der Vater ihr Gesicht in die heisse Suppe drückt. Über solche Grausamkeiten muss ich nicht lesen, denke ich sonst in ähnlichen Fällen. Ich weiss schon, dass es sie gibt. Bloss nicht diese Belehrungen über das Elend in der Welt. Aber in diesem Buch ist es anders. Es kommt nie ein bitterer Ton auf. Es bleibt trotz allem immer eine liebevolle und positive Geschichte, in der Hildegard sich voller phantastischer Einfälle und mit nicht aufgebendem Widerspruchsgeist freizukämpfen weiss. Doch das macht für mich nicht das Eigene an diesem Buch aus. Das Besondere liegt in Art, wie Hildegard schon als Kind Worte, Buchstaben, Sätze als etwas Wesenhaftes begreift. Ihr Leben mit der Sprache durchzieht das ganze Buch. Sie experimentiert, staunt, entdeckt ein Wort, schafft daraus ein neues, ist schockiert, als sie feststellt, dass ein Wort zwei Bedeutungen haben kann, prüft Begriffe auf ihren Wahrheitsgehalt hin. Was immer ihr Sprache offenbart, sie setzt es in Beziehung zu ihrem Alltag, und hat damit das Werkzeug, mit dem sie fast alle Lebenssituationen verarbeiten kann. "Für das Wörterumkrempeln war der Bruder noch zu klein. Aber ich sass vor meiner Tafel, kratzte aus der <Maus> einen <Saum>, ein <am> und ein <um> und ein <aus>, und als ich schliesslich eine <Sau> rauskriegte, rannte ich durch den Garten und schrie: die Sau, die Maus, Sau in der Maus, rannte und schrie wie von Sinnen. <Sau> war ein verbotenes Wort, ein schmutziges Wort, und jetzt steckte es klammheimlich in der harmlosen Maus. Nicht zu fassen. Wunderbar." "Welch ein Entzücken, als ich die Macht der einzelnen Selbstlaute und Mitlaute entdeckte, als ich begriff, dass es ein lumpiges i war, das aus der Tante Tinte, die Mulde milde, aus Taschen Tische machte. Und welch ein Triumph, als ich, er kam von der Arbeit und schob sein Fahrrad durchs Tor, den <Papa> in <Pipi> ersäufte." "Meine Seele lebte in den Wörtern". Sie kauft ihr erstes Buch, es ist von Rilke, schreibt lange Briefe an Schiller, besucht heimlich ein Theaterstück von Ionesco und hält ihre Abschiedsrede an der Schule über Gottfried Keller. "Er hat es aber dann doch allen gezeigt, der kleine Kerl, den man so früh von der Schule geschickt hat, sagte ich. Er ist ein grosser Dichter geworden." Denn obwohl sie Klassenbeste ist und die Gemeinde die Schulkosten bis zum Abitur übernehmen würde, wird sie vom Vater ins Büro einer Pappenfabrik gezwungen - "Et weed Zick, dat de jet Vernünftijes liers!": "Meine eigenen Wörter, die guten, schönen und wahren Wörter verwandelten sich in die Wörter der Fabrik. Ich begann sie zu fürchten, sie waren nicht mehr selbstverständlich wie die Haut am Leib, die Jahreszeiten. Die Steine am Rhein. Die Fabrikwörter bekamen die Oberhand. Ich hatte es noch einmal mit der <Ringparabel>, dem <Prolog im Himmel>, einigen Balladen versucht - vergeblich. Meine Wörter, sonst Luft zum Atmen, staken mir wie Knebel im Mund. Zuletzt griff ich zur Bibel. Im Anfang war das Wort, schrie ich. Das Wort war nicht bei Gott, es war in der Fabrik. In den Aktenordnern. Aber auch dort findet Hildegard wieder heraus. Sonst wäre es ja keine schöne Geschichte. Und das ist sie im Rückblick eben doch. |
| Luise Rinser - "Gratwanderung - Briefe der Freundschaft" Die Briefe von Luise Rinser, geschrieben an Karl Rahner, habe ich vor einiger Zeit angefangen zu lesen. Wie gestaltete diese Frau ihre Liebe zu dem der Keuschheit verpflichteten Jesuitenpater Rahner? Wie gestaltet mensch überhaupt eine Liebesbeziehung ohne Sexualität? Eine interessante Frage eigentlich - leider wird sie in diesem Buch peinlich verschwülstelt. Die abgedruckten Briefe - ausgesucht aus über 1800, die während 22 Jahren geschrieben wurden - spiegeln ein solches Wirrwarr von klebrigen Empfindungen, dass ich das Buch nicht zuende lesen mochte. |