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Gottfried Benn Seminar |
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Die Einladung kommt von Ruedi Bind, einem unserer Autoren in der edition350.
"Kolloquium zur Sprache in der Poesie: Gottfried Benn". Arbeitswochenende.
Warum nicht. Ich sage zu. Und vergesse Benn.
Monate später. Nicht unerwartet, dennoch plötzlich Sehnsucht nach Schönem, nach Aufgehobenwerden. Saudade.
Kann das baldige Benn-Kolloquium dem entgegenkommen? Benn? Der Arzt, der so nüchtern wie präzise Leichen in seinen Gedichten sezierte. Ich täusche mich doch nicht? Ein Blick in's internet, ich lese "Schöne Jugend". Ja, das ist er.
Abstoszend.
Schöne Jugend
Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte.
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten! *1
Arbeitswochenende - drei Tage lang Denken und Fühlen solcher Sphäre aussetzen.
Durchstehen? Ein Satz müde. Absagen.
Wenige Tage darauf sehe ich mir die website der "Initiative für Sterbekultur" an. Da wollen wir zur Zweiggründung erscheinen. Wäre ja sinnvoll, tragen wir doch mit unseren Särgen seit vielen Jahren zu solcher Kultur bei. Etwas erstaunt lese ich die link-Liste: so viele herkömmlich arbeitende Verbände, Dienste..., und nehme dabei flüchtig, nur an den Augenwinkeln vorbeilaufend, ein Benn-Zitat am oberen, linken Bildrand wahr.
Wie war das?
"Ich glaube ja an eine irgendwie geartete Weiterexistenz auch nach dem Tod, es ist kein Aufhören, die Toten bleiben bei uns und gehören dazu, trotzdem bleibt das Aufhören des Sichtbaren und Ansprechbaren eine grosse Erschütterung."
Ach !
Wie ein Blitz durchfährt es mich: wieder einmal fast das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Wieder nicht Rechnung getragen der Komplexität der Menschenseele, in der gröbste Gegensätzlichkeiten nebeneinander Raum finden.
Hier spricht doch ein anderer als der zynisch Kalte.
Zum Kolloquium reise ich an mit Benn als Sprachgenie in meinem Kopf und einem seiner für mich besten Gedichte in der Tasche.
Ein Wort
Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich. *2
Ein Wort, ein Satz - Erkenntnis stiftend! Kometengleich aufstrahlend und wieder verglühend. Eine Sternstunde in der Zweigarbeit, ein heller Moment im Gespräch, plötzliche Lösung eines Rätsels. Aufblitzendes Bewusztwerden, ein frohes Fest, dann...wieder saure Wochen. Benn führt es hier vor, verdichtet und begeisternd.
Wir treffen uns im Glashaus. Hier ist alles sehr neu, sehr schön.
Sauerstoff scheint etwas knapp unter der Kuppel. Von den zweierlei Gnaden im Atemholen kann nicht die Rede sein. Überhaupt...die Rede... auch nicht ganz einfach, denn wir hören uns nur sehr schlecht. Da hilft selbst Georg Maiers lieber Versuch, die Stühle akustisch optimaler zu platzieren, nicht viel. Aber es wird schon gehen.
Der Lyrikerkreis, die meisten der 12 Teilnehmer treffen sich schon seit 17 Jahren, nimmt mich wohlwollend auf. Ich schaue mir die Anwesenden an, dann Benn und seine Facetten. Ich sehe den Kalten in seinen "Morgue"-Gedichten ("wie soll er auch umgehen mit seinen Erlebnissen aus über 300 Sektionen"), den Nüchternen in seiner Beschreibung von "Chopin"("hat das Gedicht nicht einen Klang wie Regentropfenprélude"), den an griechische Vergangenheit Hingegebenen wie in "V. Jahrhundert" ("fast rauschhaft"). Über seine poetologischen Gedichte hatte ich mir mehr Austausch erhofft. "Ein Wort" wird thematisiert, auch der "Satzbau". Wir streifen Hermetische Lyrik, Chiffren, Rimbaud, Baudelaire, Mallarmé, auch Trakl und George.
Dann "Blaue Stunde", im Stil traditionell. Diesmal nicht die autonome, monologische Kunst des "absoluten Gedichtes", es wird - eher selten bei Benn - noch ein anderer Mensch, ein Du mit einbezogen. Ja, vermutlich in Bezug auf eine seiner Geliebten geschrieben, vermutlich die Dame mit dem Käsehändler, und ja, sonst nur Blau erlaubt, hier aber Rot, Weisz, Blau. Ich höre weg, meine Gedanken schweifen ab. Ich will dieses Gedicht nicht zerlegen, ich finde es einfach sehr schön.
Blaue Stunde
Ich trete in die dunkelblaue Stunde -
da ist der Flur, die Kette schließt sich zu
und nun im Raum ein Rot auf einem Munde
und eine Schale später Rosen - du!
Wir wissen beide, jene Worte,
die jeder oft zu anderen sprach und trug,
sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte:
Dies ist das Ganze und der letzte Zug.
Das Schweigende ist so weit vorgeschritten
und füllt den Raum und denkt sich selber zu
die Stunde - nichts gehofft und nichts gelitten -
mit ihrer Schale später Rosen - du.
Dein Haupt verfließt, ist weiß und will sich hüten,
indessen sammelt sich auf deinem Mund
die ganze Lust, der Purpur und die Blüten
aus deinem angeströmten Ahnengrund.
Du bist so weiß, man denkt, du wirst zerfallen
vor lauter Schnee, vor lauter Blütenlos,
todweiße Rosen Glied für Glied - Korallen
nur auf den Lippen, schwer und wundergroß.
Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.
Ich frage dich, du bist doch eines andern,
was trägst du mir die späten Rosen zu?
Du sagst, die Träume gehn, die Stunden wandern,
was ist das alles: er und ich und du?
"Was sich erhebt, das will auch wieder enden,
was sich erlebt - wer weiß denn das genau,
die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden
und dort die Weite, hoch und dunkelblau." *3
Ein weiteres Gedicht mit klarer Ansprache, ja Imperativ an ein Du wird entdeckt, gelesen und, vom Dichter gesprochen, angehört: "Kommt". Wollte Benn da vielleicht einmal raus aus seiner Haut, aus seiner Seelenwüste, und tatsächlich mit Menschen reden?
Kommt
Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.
Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.
Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun-
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,
und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot-
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot. *4
Wieder zu Hause studiere ich die Biographie und einige Gedichte Benns noch einmal etwas intensiver; der erste Eindruck bleibt. Nicht wirklich zu begreifen, dieser Mensch. Ein Sprachgenie ganz sicher. Einer, der die gesamte Lyrik revolutioniert hat. Einsam und verzweifelt. Feinfühlig und selbstbezogen. Eitel und arrogant. Eigenbrötler. Für seine emigrierten literarischen Kollegen eine bittere Enttäuschung. Für die meisten seiner Frauen und Freundinnen der Untergang. Viel Unschönes bei ihm. Kaum Wärme. ("abgeschirmt durch Eiswände") Herzliche Anteilnahme am Schicksal der Frauen, die an seiner Kälte verzweifelten? ("25 Frauen verlassen - 4x an Gräbern geweint") Schwer zu entdecken. Kommunikationsfähigkeit auszerhalb seiner Gedichte und Briefe? Wohl nicht.
Aber auch: vom 26. bis 67. Lebensjahr als Arzt tätig, und nicht etwa in "gutbürgerlichen" Kreisen, wie es seine Herkunft nahelegen würde. Er arbeitete als Pathologe, als Militärarzt, an einem Prostituierten-Krankenhaus und führte - mit Unterbrechung durch den 2. Weltkrieg - 26 Jahre lang als Kassenarzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten eine eigene Praxis. Eine schäbige Praxis, oft von Zwangsvollstreckungen bedroht, mit Patienten aus elenden, ärmlichsten Verhältnissen, denen er manches Mal auch materiell weiterhalf.
"Leiden heißt am Bewusstsein leiden, nicht an Todesfällen".
Er ist nie geflüchtet aus seinem Leben, weder vor den finsteren Bildern seiner Zeit noch vor seinen persönlichen Häszlichkeiten. Er hat um beides gewuszt, daran gelitten und in seinen Werken versucht, geistige Bilder entgegenzusetzen. Das kann ich bewundern.
Mit einem seiner absoluten Gedichte, "Welle der Nacht", vielleicht DEM Gedicht überhaupt wollte ich hier schlieszen. Zwanzig Jahre Arbeit und Leben liegen zwischen dem Entstehen der ersten und der zweiten Strophe. Benns Behauptung zufolge können einem Lyriker höchstens sechs bis acht perfekte Gedichte in seinem Leben gelingen. Gehört die "Welle der Nacht" dazu? Mag sein.
Mir aber liegt gerade nicht an Perfektion. Mir fehlt der Humor in Benns Gedichten, und er fehlt mir gewaltig. Nach dem Schreiben dieses Texte fühle ich mich schwer. Irgendwie angestaubt. Nicht so recht alltags-kompatibel. Genau wie Benn, vielleicht?
Lyrik? Ja. Wunderbar und immer wieder. Aber da gibt's auch noch was anderes im Leben. Das zieh ich mir jetzt rein.
Satzbau
Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
Und die ist dringend:
Warum drücken wir etwas aus?
Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen,
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?
Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehen,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.
„Die wenigen, die was davon erkannt“ (Goethe)
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau. *5
Mit Dank an Ruedi. Für die Einladung zu Benn und für den Cevapcici-Abend, der uns beide sprachlos machte.
*1 entstanden 1912 aus "Morgue"
*2 entstanden 1943 aus "Zweinundzwanzig Gedichte", 1948 "Statische Gedichte"
*3 entstanden 1950 aus "Blaue Stunde"
*4 entstanden 1955 aus "Sämtliche Werke" Klett-Cotta
*5 entstanden 1950 aus "Sämtliche Gedichte" Klett-Cotta, Stuttgart
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