Abel steh auf


Abel steh auf

Kurz nach Mitternacht sitze ich vor dem Goetheanum.
Es ist angenehm warm, ein leichter Wind bewegt die mit Früchten satt beladenen Äste der Kirschbäume auf der Wiese hinter mir, die Luft ist erfüllt vom süszen Duft der vielfältigen Blütensträucher ringsumher und die Grillen zirpen einen Klangteppich in den geheimnisvolle Träume einverwoben scheinen. Vereinzelte Lichtpunkte hier und da markieren die Wege im Gelände. Weiter rechts, oberhalb meiner Sitzgelegenheit, leuchtet es warm und heimelig bei der alten Schreinerei. Vor mir der Südeingang ist soweit erhellt, dasz der Text auf den blauen Spruchbändern von "Ursache Zukunft" noch gut zu lesen ist: "Abel steh auf..."
Ansonsten herrscht Dunkelheit.
Ich gehe einmal um den Bau herum; nicht eines der 209 Fenster läszt auch nur den leisesten Verdacht aufschimmern, hier seien vielleicht noch Menschen am Werk, aber heute frustriert mich das ausnahmsweise nicht. Ich kehre zurück zu meiner Bank und empfinde die stille Stimmung besänftigend wie eine weiche Decke, die sich für einen kurzen, schönen Moment über alles seit Wochen in mir Tobende legt.
Ruhe.


"Abel steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen."
Mein Blick verfängt sich in diesem eigentümlichen Satz von Hilde Domin. Klar, denke ich spontan, neue Wege müssen gebahnt werden; das kann eben nur, wer innerlich stark ist. Kain kann es nicht. Der ist schwach. Abel aber kann aufstehen, seinem Bruder die Hand reichen und alles wird gut. So einfach ist das. Ich füge noch ein paar Gedanken über Liebe, Schmerz, Erkenntnis - ist ja sowieso alles fast eins - hinzu, und fertig. Das wäre geklärt?
Vielleicht hatte Hilde Domin beim Schreiben ihres Gedichtes etwas anderes im Sinn, vermutlich dachten die Initiatoren von "Ursache Zukunft" bei der Auswahl dieses Satzes an weitaus Komplizierteres, nur...ich verstehe nunmal nichts von Abel. Es ist Kain, den ich kenne und verstehe. Nicht das ganze Wesen, aber den Teil von ihm, den ich auch in mir selber schon entdeckt habe.
Zurückgewiesen zu werden, gerade da, wo man sein Bestes geben will, gerade dann, wenn man sein Inneres voller Vertrauen hinschenken will, ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Ein Kind, das den Tag über immer wieder an seinem letzten Bonbon herumfingert, bis endlich der Vater nach Hause kommt, dem der klebrige Klumpen strahlend entgegengehalten aber von ihm nicht angenommen wird, hat vielleicht einen ersten Eindruck von dem Schmerz des Abgewiesenwerdens. Das Erlebnis, nicht gewollt zu werden mit dem, was man schenken möchte, verbannt, wenn die Erschütterung zu grosz ist, in kälteste, dunkelste Einsamkeit. Schlimmer ist, es vergiftet, schürt einen Vernichtungswillen gegen mich selber, gegen andere, gegen alles, dem vorher geistig-seelisch meine Sehnsucht galt. Anders ausgedrückt: solche Erfahrung kann böse machen, so böse, dasz Kain den Bruder erschlägt, dem er Hüter sein sollte.
Allein auf unser Kain-Sein gestellt, können wir da nicht wieder herausfinden.
Dazu brauchen wir den Abel, den Bruder in der geistigen Welt. Und, nicht minder wichtig, vielleicht sogar wichtiger, die Brüder im Alltag hier auf dem physischen Plan, unsere Freunde. Unsere Mitmenschen. Sie vermögen es durch Worte und Taten, manchmal einfach nur durch ihr Sein, uns herauszuholen aus dem "Gobigrauen", uns hinzuführen zu dem Abel, der auch in uns lebt, selbst, wenn wir gerade nur den Kain erleben.
Sie helfen dabei, uns wieder besinnen zu können auf unsere Aufgabe: dem anderen Hüter zu sein.

Es wird kühl hier drauszen. Spät ist es auszerdem, und morgen beginnt die Hölderlin-Tagung, die sicher anstrengend wird. Bevor ich gehe, werfe ich noch einen Blick auf das andere Spruchband.
"Keiner trägt das Leben allein." Jozsef Nyirö
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht habe ich ja doch ein klein wenig von Abel begriffen.
Es ist Zeit, aufzustehen.