wir über uns

…lange vor dem www.

Mitte der 70er Jahre begannen Gerriet Hellwig in Hannover und Rolf Reisiger in Wuppertal voneinander unabhängig und aus verschiedenen Motiven, ihre Beziehungsnetze in Form einer Handkartei darzustellen und zu veröffentlichen. Unvermeidlich war das Zusammentreffen, und im späteren Zusammenschluss entwickelte sich der "Informationsdienst der alternativen Kooperation" zu einem vielbenutzten – und vielgescholtenen – Dienst innerhalb der damals undogmatischen Szene der "Alternativen" mit fünf Dezentralen im Bundesgebiet.

Wir sahen es als unsere Aufgabe an, Menschen und Informationen aller Lebens- und Wissensgebiete miteinander in Kontakt zu bringen und neue Kommunikationsmöglichkeiten zu erforschen, die sich an den Bedürfnissen des Lebens, der Menschen und der Zukunft orientieren. Gerriet Hellwig schrieb dazu:

Für uns selber ist der Informationsdienst ein Weg zum Glasperlenspiel. Wir setzen Begriffe in Beziehungen zueinander, weben Netze daraus, verstricken uns auch mal drin, sehen, wie unterschiedlich Menschen Begriffe mit Inhalt füllen und wie sich dabei die Netze verändern. Wenn wir ein Stück weiter sind, werden sie wohl aussehen wie das Netz der Nervenzellen in unserem Körper. Nach solcher Arbeit ist es sehr nötig, wieder ins Leben rauszugehen oder in die Natur, oder nach innen, unter die Netze.

Das war nie ein Problem, denn neben vielen täglichen Anfragen nach der nächsten Landkommune, einem freien WG-Platz, alternativen Energien oder Kundalini-Yoga waren wir beliebtes Besucherziel. Tips, Tee und Gespräche mit mehr als dreihundert Besuchern im Jahr können eine Mietwohnung mit 56qm zu einem Ort gröszter Lebendigkeit machen. Vielmehr ein Problem war, dasz ein grundlegender Mangel an kommerzieller Ausrichtung der Arbeit im Zusammenhang mit unangepassten Ideen und dem dringenden Wunsch die Welt zu verstehen und zu verbessern, einen andauernden finanziellen Engpass verursachte. Teilweise Abhilfe schaffen sollte hier eine Druckmaschine, die im Zusammenhang des Infodienstes gekauft wurde und aus der mal später eine Druckerei werden sollte.
 

Der Umzug
 
Immer mehr Menschen tauchten auf und wollten "irgendwie mitmachen", und weil es tatsächlich auch Druckaufträge gab, wurde es qualvoll eng und chaotisch. Wir entschlossen uns, "aufs Land zu ziehen". Birgit Tontsch, Ines Müller und Ulrike Reisiger suchten vor Ort in Oberschwaben nach unserer neuen Bleibe. Nach einem Vierteljahr war es dann soweit: eine Druckerei im Lastwagen und sieben Haushalte im Lieferwagen machten sich im (wirklich kalten) Winter 1980 auf den Weg nach Dürnau.

Nun hatten wir etwas mehr Ruhe und vor Allem: Abgeschiedenheit. Die baulichen und die daraus folgenden Umstände waren allerdings ausreichend, um die Lücke zu füllen. Die Reprokamera stand im Bad und nach kalten Nächten mussten wir das Wischwasser in der Druckmaschine erst einmal mit dem Heizlüfter auftauen. Heizung, Stromversorgung, Wasser und was sonst zu den notwendigen Arbeitsbedingungen zählt, fehlte uns ebenso wie das einfachste Mittel zur Abhilfe – Geld. Und das war doch noch steigerungsfähig, denn bereits ein halbes Jahr nach dem Einzug entschied sich der Besitzer zum Verkauf des Hauses.
 

  
Wenn die Nacht am tiefsten…

In wirtschaftlichen Dingen völlig unverbildet, gehörte weder der Traum vom Eigenheim, noch die Phantasie vom eigenen Betrieb zu den Triebfedern unserer Aktivitäten. Dies nun als neue Tatsachen in unsere Lebensumstände einzubauen fiel uns denkbar schwer. Bis auf wenige Freunde, die uns auch bei den Problemen der Finanzierung weiterhalfen, waren die Prognosen unserer Situation miserabel. Sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht (wo soll denn das ganze Geld herkommen) als in fachlicher Hinsicht (unter 15°C kann man gar nicht drucken) und letztlich auch in sozialer Hinsicht (das schafft ihr nie) wurden wir von den meisten der mitfühlenden Beobachter als eher am Absturz denn im Aufbruch eingeschätzt.

Zugegebenermaszen war diese Einschätzung naheliegend, denn die persönlichen und sozialen Belastungen dieser Zeit gingen hart an die Grenze des Erträglichen. Zur Sicherstellung der Finanzierung mussten Birgit Tontsch, Ines Müller, Wolfgang Ringes und Peter Tontsch verschiedenen Jobs ausser dem Hause nachgehen. Währenddessen bemühten sich die Daheimgebliebenen, den Druckereibetrieb wieder in Schwung zu bringen. Gesa Bund, Cordula Storch und Roger Nelke betreuten gemeinsam die Druckvorstufe an der Reprokamera und im Satz, die übrigen Arbeiten verteilten sich auf den Rest, die Nacht und das Wochenende. Ulrike Reisiger leistete schon zu dieser Zeit einen Vertrieb für eine Anzahl alternativer Kleinverleger und Ines Müller begann auch bald mit dem Aufbau der Buchbinderei, in der zu jener Zeit die ersten Marmorbücher und Briefpapiere aus Umweltschutzpapier entstanden.
 

Neuer Schwung
 
   Gerade dem schaurigen Abgrund entronnen, begannen wir bald, uns in unserem neuen Selbstverständnis als Wirtschaftsbetrieb einzurichten. Trotz problematischer Alltagsverhältnisse waren wir nun aufs neue Anziehungspunkt für Menschen verschiedenster Interessen geworden. Um diese mit Wohnung und Arbeit zu versorgen, begannen wir mit einem Streifzug durchs Ländle: in zügiger Folge richteten wir in Bad Buchau eine kleine Buchhandlung ein, erwarben ein kleines Stadthaus in Riedlingen (heute Fa. Ulf Timm), wurden Besitzer unserer Dorfkneipe in Dürnau – Goldenes Kreuz – und betrieben einen Bioladen in Saulgau. Darüber hinaus vertiefte sich die Verbindung zur Hofgemeinschaft Reute bei Biberach. Gut zwanzig Menschen tummelten sich so auf den verschiedensten Arbeitsfeldern über den Landkreis hinweg.

Endlich kam es so, wie unsere Kritiker ja immer schon gewusst hatten: die Chance, einen so groszen, diversifizierten und inhomogenen Zusammenhang aufrecht zu erhalten oder gar zu vergrössern, wurde durch soziale Querelen und den Egoismus einzelner Gruppen vertan. Die Riedlinger Gruppe löste sich auf, einige gingen nach Dürnau zurück, andere ganz. Die Reuter Landwirtschaft löste sich auf, nachdem die Initiativträger Traudi Frischknecht und Hansjörg Glauner ans Goetheanum nach Dornach gingen um dort Eurythmie und Naturwissenschaft zu studieren. Unsere Läden wurden geschlossen.

Und dann ganz ruhig weiter

Schon bald nach dem Abschmelzen auf einen kleineren Kern begann ein neues Wachstum. Die Dürnauer Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft begründeten den "Zweig in Dürnau". Am Rande und durch abenteuerliche Umstände kamen wir zu unserer Landwirtschaft, dem Aussiedlerhof "Hausee". zweieinhalb Hektar Land, einige Bruchbuden und vier Fischteiche umfasste das Anwesen, dessen Besitzer nun der von uns gegründete Fercher von Steinwand e.V. ist. Mittlerweile hatte sich auch Johannes Loriz bei der Kooperative eingefunden, der seine Hinneigung zum Buch schon in unserer Buchhandlung erprobt hatte und den Verlag von Peter Tontsch übernahm.

Und nicht nur weil zwischenzeitlich noch ein Wohnhaus erworben wurde, spielten und spielen Baufragen bei uns eine grosze, manchmal alles überschattende Rolle. Der Mangel an finanziellen Mitteln und eigenwillige Phantasie zur konkreten Gestaltung unser Bauvorhaben zwingt uns zum fast vollständigen Verzicht auf die Bestellung von Handwerkern. Nachdem nun aber einige Baustellen abgeschlossen sind, haben sich die meisten Vorbehalte gegen diese Herangehensweise erledigt.

Im ruhigeren Fortgang kam dann Nicole Timm zu uns, wurde unser erster Azubi, ein weiteres Grundstück wurde erworben, weitere Betriebe eingerichtet und gebaut und gebaut. Hansjörg Glauner kehrte aus Dornach zurück, Mechthild Altreuther kam als Schreiner zu uns, die Beratungsfirma cooltour wurde gegründet, die Sängerin Petra Ziebig gab ein Gastspiel in unserem Kreis und es wurde weitergebaut.

Mittlerweile sind Peter Tontsch und Petra Ziebig an den Bodensee verzogen und Mechthild Altreuther geht nun auf eine Alm. Die Schreinerei wird von Jan Hinrichs weitergeführt, der sich nach seiner Zeit als Bühnenhelfer in Dornach bei uns einfand.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss…

Und so kam es, dasz heute zwei händevoll Menschen mit den Anforderungen von ebenso vielen Einrichtungen und Betrieben ringen. In den sozialen Alltag sind nun auch einige Angestellte eingeflochten, die uns bei unseren Aufgaben helfen und interessante, neue Aspekte dem Sozialwesen hinzufügen.

Zukunft abseits ausgetretener Pfade zu gestalten, ist auch nach zwanzig Jahren in Dürnau einer unserer stärksten Impulse, wobei sich die Wahl der Mittel stark verändert hat. Aus dem Umfeld der alternativen Bewegung herausgewachsen, war das flexible Spiel mit den Alltagsaufgaben über lange Zeit ein Kernelement. Die Zunahme von sozialen Verpflichtungen und die wachsende Einbindung in wirtschaftliche Zusammenhänge haben dieses Element zurückgedrängt. An seine Stelle getreten ist die längerfristige Planung, die bei unserer Sozialgestalt einige Tücke mit sich bringt. Geblieben ist uns jedoch der ungebrochene Wille, auf neue Herausforderungen einzugehen, neue Menschen kennenzulernen und der Welt jeden Tag neu und mit Offenheit entgegenzutreten. Sollten Sie sich angesprochen fühlen, so finden Sie hier eine herzliche Einladung.

Juni 2000